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Christliche Werte und Säkularismus

Europa steht aktuell vor zahlreichen Herausforderungen, bei denen eine enge Verflechtung von Politik und glaubensbezogenen Themen sichtbar wird. Zu Fragen einer wachsenden politischen Relevanz ethischer Fragestellungen sowie dem Stellenwert von christlichen Werten, Säkularismus und Pluralismus diskutierte eine Expertenrunde am 15. November 2016 in Brüssel.

Karel Kovanda, Rien Fraanje, Federico Reho, Ravi Zacharias und Michael Ramsden
Philipp W. Hildmann
Ravi Zacharias

Sprecher waren der international renommierte Redner und Buchautor Dr. Ravi Zacharias, der Direktor des niederländischen politischen Forschungsinstitutes WI - CDA, Rien Fraanje, Botschafter Karel Kovanda, stv. Generaldirektor a.D. der Europäischen Kommission, sowie Michael Ramsden, Internationaler Direktor des Ravi Zacharias International Ministries (RZIM). Federico Reho vom EVP-Think Tank Wilfried Martens Centre for European Studies moderierte die Gesprächsrunde.

Dr. Philipp W. Hildmann, Leiter des Büros der Vorsitzenden und der Stabsstelle für Interkulturellen Dialog der Hanns-Seidel-Stiftung, konzentrierte sich in seiner Einführung auf Wandlungen und Entwicklungen in Europa sowie die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen von Pluralismus und Heterogenität. Die Substanz und die Werte, die mit Europa verbunden seien, gerieten vor der wachsenden Betonung nationaler Interessen zunehmend in den Hintergrund. Vor diesem Hintergrund sei es für die Politischen Stiftungen eine wichtige Aufgabe, die hiermit verbundenen Fragen zu untersuchen und Lösungen im Dialog zu finden.

In seiner Impulsrede zeichnete Dr. Zacharias ein umfangreiches Bild der neueren Entwicklungsgeschichte unserer westlichen Kulturen. Sein Hauptaugenmerk galt dem Kulturwandel, der sich im Rahmen von Säkularisierung, Pluralisierung und Privatisierung vollzogen hat. Innerhalb eines allmählichen Erosionsprozesses habe das Religiöse seine wichtige soziale Bedeutung verloren. Die Loslösung der Gesellschaft vom Transzendenten, von religiös oder moralisch verankerten Grundlagen und Tugenden, habe das Fundament der gesellschaftlichen Strukturen nachhaltig geschwächt. Die von Dr. Zacharias beobachtete Verrohung von Sitten und Umgangsformen bezeichnete er als direkte Anzeichen dafür, dass der tiefere Sinn unserer Existenz verloren gegangen sei. Ohne Ehrfurcht und Scham gebe es keine Skrupel oder Schuldgefühle mehr. Im zunehmend verbreiteten Relativismus sieht Zacharias eine unerwünschte Folge des Pluralismus. Eine inklusive Gesellschaft könne jedoch nicht ohne moralische Grundlagen existieren, und Menschen könnten kein erfülltes Leben führen, ohne einen tieferen Sinn darin zu erkennen. Das permanente und grundsätzliche Infragestellen führe schließlich zu gefährlichen subjektiven Realitätswahrnehmungen. Zacharias warnte abschließend vor den Gefahren einer wachsenden Tendenz zur Verlegung des Glaubens in den privaten Bereich. Im öffentlichen Raum sei dadurch ein Vakuum entstanden, das nun von anderen Kräften erfolgreich beansprucht werde.

Das Referentenpodium

Für Botschafter Kovanda ist die Gesellschaft verpflichtet, ohne Einschränkung die Würde aller Bürger zu wahren und zu schützen. Es sei Aufgabe des Staates, alle Bürger in gleichem Maße vor Diskriminierung zu schützen. Minderheiten, unabhängig von ihrer Größe oder sozialem Gewicht, müssten besonderen Schutz genießen. Die politische Umsetzung von Säkularismus erfordere jedoch ein Gleichgewicht zwischen dem individuellen Recht auf Religionsfreiheit und ungestörte Religionsausübung und dem Gesetz. Dass „rote Linien“ im öffentlichen Zusammenleben oftmals nicht einfach zu ziehen seien, zeigte Kovanda am Beispiel der kürzlich in Frankreich geführten „Burkini“-Diskussion. Mit einer rigiden Auslegung des Laizitätsprinzips, bei dem grundsätzlich alle religiösen Symbole im öffentlichen Raum verboten sind, fühle sich die Politik berechtigt, in Bereiche des Lebens einzugreifen, die zweifelsfrei dem Privaten zuzurechnen seien.

Rien Fraanje unterschied zwischen zwei Formen des Säkularismus, wie sie durch den anglikanischen Theologen und ehem. Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, definiert wurden: Der „programmatische Säkularismus“, in dem nur eine Form von Loyalität dem Staate gegenüber zulässig sei und jegliche Art von Religion als oppressiv betrachtet werde, und dem „prozeduralen Säkularismus“, der den Menschen außerhalb des Staates verschiedene Arten von kulturellem, spirituellem und religiösem Rückzug ermögliche. Der „prozedurale Säkularismus“ garantiere die Freiheit, zu glauben oder nicht, sowie die freie Wahl der Glaubensrichtung und schütze gleichermaßen Gläubige und Nichtgläubige.

In einer vom Staate auferlegten Gleichheit und Freiheit sieht Michael Ramsden eine große Gefahr für die Gesellschaft. Es gebe die Tendenz, Religion lieber komplett aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen, als dem Vorwurf der Befangenheit ausgesetzt zu sein. Die ständige Forderung nach mehr Toleranz in unserer Gesellschaft und Öffentlichkeit gebe keine Antwort auf die wahre Problemstellung. Anstatt zu tolerieren, müsse Europa eine Gesellschaft des Respekts werden. Nur auf der Basis gegenseitigen Respekts könnten Menschen mit unterschiedlichen Meinungen gleichberechtigt existieren, miteinander debattieren und sich wertschätzen.

Die Redner waren sich einig, dass keine Gesellschaft zur Religiosität gezwungen werden könne. Eine im positiven Sinne säkularisierte Gesellschaft gebe allen Menschen die Möglichkeit, zu glauben und werte- und kulturgeprägte Antworten auf die wichtigen Fragen im Leben zu erhalten. Nicht alle Religionen und Weltanschauungen ermöglichten es den Menschen zu glauben, aber auch zu kritisieren und nicht zu glauben. Der säkularisierte Staat habe die Pflicht, seinen Bürgern diese Freiheit zu garantieren.