Menü
Zusätzliche Informationen einblenden

Hanns-Seidel-Stiftung im Web 2.0

Kontakt

Verbindungsstelle Brüssel
Leiter: Dr. Markus Ehm
Tel.: +32 2 230-5081 | Fax: -7027
E-Mail: bruessel@hss.de

Aktuelle Veranstaltungen

Keine Veranstaltung gefunden

Meine HSS

Seite hinzufügen
löschen
 

Neue gesellschaftliche Herausforderungen und Europas Identität

Die Migrationswelle stellte die Diskussion über europäische Werte und Identität wieder ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Die Bedeutung von europäischer Identität in einer globalisierten Welt und der Stellenwert von verantwortungsvollem Handeln und gemeinsamen Werten waren Themen einer Kooperationsveranstaltung mit dem Wilfried Martens Centre for European Studies (WMCES) und dem Antall József Knowledge Centre am 30. November 2016 in Brüssel.

Vít Novotný, György Schöpflin, Udo Zolleis, Sotiris Mitralexis
Tibor Navracsics

Tibor Navracsics, europäischer Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, hielt die Impulsrede. An der  anschließenden Podiumsdiskussion, geleitet durch Dr. Vít Novotný, Forschungsbeauftragter des Martens Centre, nahmen der ungarische Europaabgeordnete Prof. György Schöpflin, MdEP, Prof. Dr. Udo Zolleis, Honorarprofessor für Politikwissenschaft, Universität Tübingen, und Mitglied im Kabinett des EVP-Fraktionsvorsitzenden Manfred Weber, sowie der griechische Philosophiedozent Dr. Sotiris Mitralexis teil.

Kommissar Navracsics konzentrierte seine Ausführungen auf die Bedeutung der europäischen Werte. Die Europäische Union befinde sich in einem fundamentalen Wandel, weg von der Wirtschaftsgemeinschaft hin zu einer Wertegemeinschaft. Die aktuellen Herausforderungen stellten unsere politischen Systeme und Gesellschaften auf eine harte Probe. Nicht zufällig hätten Identitätsfragen in der jüngsten Vergangenheit weltweit Millionen von Wählern  bewegt. Die Fragen nach Identität und Werten seien zugleich Kern des Problems und bereits Teil der Antwort. Navracsics erklärte in diesem Zusammenhang, dass die Radikalisierungsprozesse von jungen Menschen in Europa auch durch die unzureichende Vermittlung unserer Identität und Werte begünstigt worden seien, die er als  wichtigste Triebkraft für eine gelungene Integration bezeichnete. Er plädierte für eine Wiederbesinnung auf die Erfolge und Leistungen des europäischen Einigungsprozesses, die genügend Identifikationspotenzial böten. Eine europäische Identität stehe nicht im Konflikt mit nationalen Identitäten, sondern forme sich komplementär und im Einklang mit der nationalen, regionalen und lokalen Vielfalt. Als Bildungskommissar hat Navracsics das Privileg, diese Entwicklung in Abstimmung mit den nationalen Bildungsministern aktiv zu begleiten. Als essentielles Instrument nannte er das Erasmus-Programm, das seit 1987 vielen jungen Menschen ermöglicht habe, eine positive europäische Identität durch die direkte persönliche Erfahrung der Europäischen Union zu entwickeln.

Der ungarische Europaabgeordnete und Koordinator der EVP-Fraktion im Ausschuss für konstitutionelle Fragen,  Prof. György Schöpflin, beantwortete zunächst grundsätzliche Fragen nach der Definition und Konstruktion von Identität. Es handle sich um einen dynamischen Prozess, der sich zwischen den Polen von Adhäsion und Ablehnung abspiele. Eine zu engmaschige Identität führe zu einer Abschottung von der Außenwelt, eine zu breit angelegte Identität zu einer Überflutung mit externen Einflüssen, die letztlich zu Zweifel, Misstrauen und Abwendung führen könne. Werte bestimmten in diesem Prozess die jeweils als richtig oder falsch angesehene Verhaltensweise. Schöpflin hob die Bedeutung von Mythen und Narrativen, Symbolen und Ritualen hervor, die eine wichtige Rolle im Identifikationsprozess spielten. Europäische Identität  entstehe oder erhalte sich nicht automatisch. Europas Entscheidungsträger und Bürger müssten sich aktiv an diesem Prozess beteiligen. Potenzial dafür sei ausreichend vorhanden.

Udo Zolleis
Blick in den Konferenzsaal

Für Prof. Dr. Udo Zolleis stellen sich, nicht nur mit Blick auf das Wahljahr 2017, grundlegende Fragen nach unserer zukünftigen Wirtschaftsordnung und unserem zukünftigen Staats- und Gesellschaftsmodell. Er umriss die Eckpfeiler des Leitkulturkonzeptes, das grundlegende Werte auf der Basis eines christlichen Menschenbildes definiere und als Richtungsweiser für die Identität diene. Europa habe eine höchst effiziente Konsenskultur entwickelt, die in der Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen werde. Prof. Zolleis unterstrich die Bedeutung von identitätsbildenden und -stärkenden Projekten wie beispielsweise der Erklärung von Bratislava, mahnte jedoch auch eine konsequentere Umsetzung und Unterstützung durch die Mitgliedstaaten an. Dem kulturellen Austausch und der persönlichen Erfahrbarkeit einer positiven europäischen Identität maß er einen hohen Stellenwert bei. Die Initiative von Manfred Weber, Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, jedem 18-Jährigen in der EU ein Interrail-Ticket zu schenken, sei ein solches Projekt, um die Essenz Europas erfahren zu können, Vorurteile und Egoismen abzubauen und die kulturelle Vielfalt wertzuschätzen.

Den Unterschied zwischen Ideologie und kultureller Identität erklärte Dr. Sotiris Mitralexis. Im Rahmen der fortschreitenden Säkularisierung unserer Gesellschaft hätten religiöse Grundwerte zunehmend ihre universelle Bedeutung verloren. Auch die europäische Identität werde nicht mehr als gegeben hingenommen. Die verstärkt aufkeimenden Fragen nach unseren Werten zeigten jedoch den Bedarf an einer klaren Definition von dem, für was wir stehen und nicht zuletzt auch was wir unter „wir“ verstehen. Die Migrationskrise habe laut Mitralexis zahlreiche Konflikte und Gegensätze  innerhalb unserer Werteskala offenbart. So stünden der Anspruch auf Toleranz und Vielfalt im Widerspruch mit Integration und Assimilierung und unsere Ambitionen im Bereich der humanitären Hilfe vielerorts im Gegensatz zu unserem Umgang mit Flüchtlingen. Mitralexis forderte daher eine Prioritätensetzung im Rahmen unserer Werteskala, um ein kohärentes und wirksames europäische Identifikationspotenzial zu stärken.