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Meine Wahrheit, Deine Wahrheit

Auf dem Podium: Pfeiffer, Lindholz, Gottlieb, Kissler (vlnr)

Ein Mosaik aus diffusen Bürgerängsten prägt zusehends die öffentliche Stimmung im Land und beeinträchtigt einen konstruktiven Diskurs. „Postfaktisch“ wird auch in Deutschland als Wort bzw. Unwort des Jahres 2016 gehandelt. Woher rührt diese vermeintliche Dominanz gefühlter Wahrheiten und zunehmenden Misstrauens? Was können Verantwortliche aus Politik, Medien und Wissenschaft tun, um den Menschen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln?

Auf Einladung des Hauptstadtbüros der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. kamen am 29.11.2016 die Bundestagsabgeordnete Andrea Lindholz, Mitglied im Innenausschuss des Deutschen Bundestages, Sigmund Gottlieb, Chefredakteur Fernsehen des Bayerischen Rundfunks, Prof. Dr. Christian Pfeiffer, ehemals Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V., und Dr. Alexander Kissler, Cicero (Moderation) auf dem Podium zusammen, um einen Versuch zu unternehmen, die Verworrenheit der diffusen Bürgerängste aufzulösen und Wege aus der aktuellen gesellschaftlichen Unsicherheit aufzuzeigen.

Andrea Lindholz, MdB, und Prof. Sigmund Gottlieb

Mit Beginn der Griechenlandkrise habe sich das Verhältnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern und ihren politischen Repräsentanten begonnen zu wandeln, stellte Lindholz fest. Viele Menschen seien derart aufgebracht, dass eine sachliche Auseinandersetzung kaum noch möglich erscheine. Gerade auf schriftlichem und digitalem Wege, weniger jedoch in direktem Kontakt, würden ihr drastische Beschimpfungen entgegengebracht. Die Flüchtlingskrise habe diese Dynamik weiter verschärft.
Verstärkt habe sich in der öffentlichen Debatte zudem zunehmend der Zeitdruck, unter welchem journalistische Berichterstattung erwartet werde, so Gottlieb. Dies nicht zuletzt auch eigenverschuldet, wie er mit Blick auf den Wettbewerbscharakter der Branche weiter einräumte, und einen Trend zum „Sofortismus“ ausmachte. Unter dem Streben nach schnellen Schlagzeilen leide oft die Qualität journalistischer Recherche und es resultiere in übereilten, unreflektierten Meldungen, so Gottlieb. Diesem Zeitdruck sähen sich auch Politikerinnen und Politiker ausgesetzt, schloss sich Lindholz an. Noch bevor Klarheit über eine Sachlage herrsche, würden von ihnen in kürzester Zeit Stellungnahmen zu aktuellen Geschehnissen erwartet.

Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Pfeiffer wies darauf hin, dass Misstrauen auch durch das bewusste Verschweigen offensichtlicher Fakten geschürt werde. Dies verstärke den von vielen Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen staatlichen Kontrollverlust, wie bspw. die Vorfälle der Kölner Silvesternacht 2015/2016 zeigten. Andererseits sei den gefühlten Wahrheiten mit nüchternen Daten kaum beizukommen. Kriminalstatistiken zeigten beispielsweise, dass das Leben in Deutschland im Bereich der Gewaltkriminalität sicherer werde, während gleichzeitig ein Gefühl der Unsicherheit zunehme.

Es lässt sich festhalten: Weniger die Fakten selbst, sondern die Vermittlung und Anerkennung dieser erscheinen als besondere Herausforderung. So merkte Pfeiffer weiter an, dass schriftliche Quellen weniger prägenden Eindruck hinterließen als das Fernsehen. Hier sehe er gerade auch ein Problem im fiktiven Unterhaltungssegment, das zwar nicht vorgebe, Realitäten abzubilden, dennoch aber den Eindruck der Wirklichkeit maßgeblich mitbestimme. Zudem hätten positive, reale Meldungen erfahrungsgemäß das Nachsehen gegenüber Negativschlagzeilen. Trotz vieler positiver Erfahrungen mit medialer Berichterstattung musste Lindholz dieses Phänomen aus eigener Erfahrung bestätigen. Erst kürzlich habe sie in ihrem Wahlkreis erlebt, wie selektiv ein Bericht über ihren CSU-Ortsverband lediglich Vorurteile bedient habe.

Prof. Sigmund Gottlieb und Dr. Alexander Kissler

Gottlieb verwies im Weiteren darauf, dass jedwede Einseitigkeit, ob ausschließlich negativ oder auch positiv, heikel sein könne. Dabei denke er zum Beispiel an die Berichterstattung über die am Münchener Hauptbahnhof eintreffenden Flüchtlinge im Sommer 2015. Mit wenigen Ausnahmen habe weder das mediale Angebot noch die öffentliche Nachfrage Aufmerksamkeit für negative Begleiterscheinungen übrig gehabt. Eine frühzeitige kritische Auseinandersetzung sei aber erforderlich, damit sich unerwünschte Konsequenzen in ihrer späten Wahrnehmung nicht potenzierten.

Angesichts der Komplexität politischer Zusammenhänge sehe Lindholz die Aufgabe der Politik entsprechend darin, diese für die Bürgerinnen und Bürger verständlich darzustellen. Darüber hinaus sollten Abgeordnete beständig den Kontakt mit den Wählerinnen und Wählern suchen, um für gegenseitiges Verständnis zu sorgen und eben nicht den Eindruck der Abgrenzung als Elite entstehen zu lassen. Um Vertrauen zu stärken, sei es ebenso nötig, auch Schattenseiten offen ansprechen zu können und weder Themen noch bestimmte Gesprächspartner von vornherein zu tabuisieren, so Lindholz auch mit Blick auf die AfD.

Die Podiumsgäste zeigten sich einig darin, dass Politik, Medien und auch Wissenschaft selbstkritisch sein und Fehler zugeben müssten, um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger (wieder) zu gewinnen. In diesem Sinne gingen alle Teilnehmenden an diesem Abend mit gutem Beispiel voran. Ebenso auch das Publikum, aus dessen Mitte gefordert wurde, dass sich die Bürgerinnen und Bürger einer Demokratie nicht nur auf einer Bringschuld der Politik ausruhen könnten, sondern auch ihre eigene Holschuld anerkennen sollten.