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Industrialisierung 4.0 – Potenziale und Risiken

Ein aufmerksamer Blick in der Fußgängerzone, der Universität oder der Bahn zeigen, dass wir uns in Zeiten eines historischen Wandels befinden. Der Grund dafür ist die zunehmende Automatisierung und Vernetzung der Dinge. Ob Smartphone, Smarthome oder Onlinebanking – die Digitalisierung durchdringt unaufhaltsam alle Bereiche unserer Gesellschaft und schafft Neuerungen von unbeschreiblichem Ausmaß. Unter dem Schlagwort „Industrialisierung 4.0“ fanden sich daher vom 21. bis 23. Oktober 2016 rund 65 Stipendiatinnen und Stipendiaten zusammen, um beim Fachforum Wirtschaftswissenschaften mit den verschiedensten Vertretern aus den Bereichen Forschung, Politik und Wirtschaft kontrovers zu diskutieren, welche Herausforderungen dieser Wandel mit sich bringen wird.

Mario Trapp

Dr. Mario Trapp gewährte Einblicke in die gesamtgesellschaftliche Dimension der Digitalisierung. So ging er in seinem Vortrag zunächst auf die geschichtliche Entwicklung der Industrie ein. Als Beispiel griff er die Automobilherstellung auf. Während man in Zeiten des Fordismus bereits aufgrund der sich etablierenden Fließbandanlagen fähig war, Autos in großen Stückzahlen zu fertigen, fehlte es jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts an Variantenvielfalt. Man produzierte nach dem Motto: „Sie können einen Ford in jeder Farbe haben – Hauptsache er ist schwarz“.

Im Zeitverlauf kam es dann zu einer zunehmenden Automatisierung. An den Förderbändern wurde der Mensch nach und nach durch programmierte Robotermaschinen ersetzt. So erleben wir heute, dass die Fabrikanten von Mercedes, BMW und Co. nicht nur in der Lage sind, Fahrzeuge in großer Anzahl zu produzieren, sondern auch eine riesige Produktvielfalt offerieren. Für die Zukunft prognostizierte Dr. Trapp, dass man, angefangen vom Armaturenbrett bis hin zur Karosseriegestaltung dank der modernen Apps mehr Einfluss auf die individuelle Gestaltung seines Autos haben wird. Zudem wird es laut Trapp dazu kommen, dass die künftigen PKWs selbst auf Ampeln, Abstände und Geschwindigkeiten reagieren werden, um den Menschen zu entlasten.

Anknüpfend daran präsentierte er, wie sich Städte im Zuge dieser Digitalisierung entwickeln könnten und dass gerade in ruralen Gebieten enorme Effizienzgewinne durch smarte Apps möglich sind. Sei es durch Apps für Fahrgemeinschaften oder zum Pakettransport.

"Codieren ist die Sprache der Zukunft" - Christina Schwarzer

Die Referentin Christina Schwarzer, MdB und Mitglied im Ausschuss Digitale Agenda, unterstrich zunächst, dass es noch viel politischen Handlungsbedarf im Kampf gegen die steigende Internetkriminalität gibt. Insbesondere im Bereich von Mobbing und Missbrauch sei es zwingend notwendig, dass strengere Gesetze verabschiedet würden. Anschließend stellte sie neue Schulkonzepte in Aussicht, welche Kinder und Jugendliche gezielter für die MINT-Fächer begeistern sollen. So berichtete Sie beispielsweise von den ersten Tablet-Schulen in Deutschland und einer Didaktik, die Fächer wie Programmieren bereits ab der ersten Klasse enthalten soll. Ihr Plädoyer: Codieren ist die Sprache der Zukunft – daher ist es wichtig, die Schüler bereits in den ersten Jahren für die Informatik zu begeistern.

Weitere politische Aspekte beleuchtete Hansjörg Durz. In seinem Vortrag „Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeit zeigte der Bundestagsabgeordnete die Herausforderungen und politischen Handlungsspielräume der Wirtschaft auf. Darüber hinaus erläuterte er in seinem Vortrag die politischen Abläufe für Gesetzesmaßnahmen im Bereich Digitalisierung und führte den Stipendiaten die Rolle des „Ausschusses für Digitale Agenda“ im Bundestag vor Augen.

Als Mitschöpfer des Begriffs „Industrie 4.0“ war Prof. Dr. Dieter Spath genau der Richtige, um uns die wirtschaftlichen Aspekte der Digitalisierung aufzuzeigen. So nahm er immer wieder Bezug auf die Firma Wittenstein AG, bei der er noch bis vor wenigen Wochen Vorstandsvorsitzender war. Nun ist er Institutsleiter des Frauenhofer Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement.

Die Sprecher des Fachforums Wirtschaftswissenschaften

Er gewährte Einblicke in die Entwicklungen der mittelständischen Unternehmen in Deutschland. Beispielsweise berichtete er, dass sich immer mehr Unternehmen über Plattformen vernetzen, um Effizienzsteigerungen zu erreichen. Ein weiterer Punkt, den Prof. Dr. Spath in Zusammenhang mit Wirtschaft und Digitalisierung brachte, war die zunehmende Autonomie der Produktionsteile. Gemeint sind hier Teile, die in der Produktion oder dem Verbrauch wissen, welche Aufgabe ihnen zuteil wird. Beispiele hierfür waren sich selbst nachziehende Glieder im Fertigungsprozess, intelligente Aufbewahrungsboxen, die den Lieferanten informieren, noch bevor die Box entleert ist und Kaffeemaschinen, die selbstständig erfassen, wann sie nachgefüllt werden müssen.

Zum ThemaDigitalisierung für die Energiewende: Wie Industrie 4.0 unsere Stromnetze stabil hält sprach Prof. Dr. Gilbert Fridgen. Mit Hilfe von cyberphysischen Systemen wird der Stromverbrauch in Haushaltsgeräten analysiert, wodurch diese nicht nur effizienter genutzt werden, sondern auch verträglicher für die Umwelt sind. Die Technik funktioniert mithilfe vordefinierter Leistungsspannen, die je nach Zustand der Makroumwelt ausgeschöpft werden. Ein Beispiel, das Prof. Fridgen aus der gängigen Praxis lieferte, waren Klimageräte, die schon jetzt ihren Stromverbrauch selbst regulieren, um eine Raumkühlung zwischen 18 und 22 Grad möglichst energieeffizient zu gewährleisten.

Mit Witz und Esprit ging Bert Rürup auf die Fragen der Stipendiaten ein.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete der Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Bert Rürup, ehemaliger Chefvolkswirt, Wirtschaftsweiser und Erfinder der Rürup-Rente. Er sprach zum Thema „Industrie 4.0 – Politische Herausforderungen der Digitalisierung. Da er am Vortag noch auf der Frankfurter Buchmesse eine kontroverse Diskussion mit dem Empfänger des diesjährigen Wirtschaftsbuchpreises und Autor des Buches „Silicon Germany: Wie wir die digitale Transformation schaffen“ (Christoph Keese) führte, hatte Rürup eine Menge zu berichten.

Seine Prognosen über den künftigen Arbeitsmarkt waren weitaus optimistischer als die vieler seiner Kollegen aus der Ökonomie. Dass beispielsweise die deutsche Automobilindustrie noch keine Ängste haben muss, von Konkurrenten wie Tesla oder Google abgehängt zu werden, begründete Prof. Rürup mit dem Prestige unserer Produkte. „Signaling“ war in diesem Zusammenhang sein Schlagwort – manche Produkte kauft man eben nicht, weil man sie braucht oder der Nützlichkeit halber, sondern weil sie einen bestimmten Status vermitteln. Weiterhin erklärte der ehemalige Chefvolkswirt, dass Billiglohnländer im Zuge der Digitalisierung an Bedeutung verlieren werden, da durch die zunehmende Automatisierung Fertigungsarbeiten im Inland wieder günstiger werden. Schon jetzt sei zu erleben, dass große Firmen ihre Produktion wieder nach Deutschland verlagern.

Gerade wegen der Ausbildungs- und Studienprogramme sowie der guten schulischen Didaktik ist Rürup der Überzeugung, dass Deutschland es mit den Aufgaben der Zukunft aufnehmen kann.

Text: Lukas Götzelmann